Surface Design in den USA:
Wechselwirkungen zo Europa
Els van Baarle
Ein Artikel über Surface Design muss bereits mit der Frage beginnen: Was ist Surface Design?
Es scheint sich um ein Wort zu handeln, das sich nur schwer übersetzen Iässt. In der Zeit vor 1950 liess sich "Textildekoration" einfach definieren: etwas war eine Batik, ein Sieb - oder Linoldruck, ein Holzdruck usw. Grosser Wert wurde auf technische bzw. handwerkliche Präzision gelegt. Welch ein Vergnügen, diese Pfade zu verlassen, eine Welt voller Ent- cleckungen, Alice im Wunderland! Langsam verschob sich die Grenze von der Technik zur bildenden Kunst.
Diamonds Are...
1998
Cotton, silk;
Phototransfer processes, painted, appliquéd, machine quilted
43h x 48.5w
Textildesign heute kennt keine technischen oder materiellen Grenzen: Quilter färben ihre Stoffe - Färber quilten ihr Material - Sticker arbeiten auf Papier, Kunststoff, Fotos - bemalte Stoffe werden entfärbt, ihre Textur angegriffen.
Besteht ein Unterschied zwischen Textildesign in Europa und den USA? Ich denke, früher mehr als heute. Im 18. und 19. jahrhundert übte Europa einen starken Einfluss auf Amerika aus. Stoffe wurden aus England importiert und die wachsende amerikanische Textilindustrie beschäftigte viele europäische Immigranten - Spinner, Weber, Färber. Die Gestalter
auf beiden Seiten des Atlantiks schöpften aus einem Sammelsurium von kombinierten Stilen. Dies war der Qualität nicht immer zuträiglich!
Der grosse englische Erneuerer William Morris (1834-1896) machte seinen Einfluss auch in den Vereinigten Staaten geltend. Alte Ornamentik wurde nicht mehr kritiklos übernommen, die Kunst wurde durch das Handwerk erneuert. Ihn faszinierten historische Textilien, man kehrte zu natürlichen, mit hölzernen Druckstöcken aufgebrachten Farbstoffen zurück. Seine Devise lautete: "Kunst soll zum Glück des Gestalters beitragen." Diese Wechselwirkung kann in die Gegenwart übertragen werden: Der Künstler teilt etwas mit, der Betrachter reagiert.
Der zweite bedeutende europäische Impuls ging vom Bauhaus aus, vor allem nachdem seit ungefähr 1930 Bauhaus-Dozenten an amerikanischen Kunsthochschulenlehrten. Es entstand ein Stir, der als "echt amerikanisch" (!) bezeichnet werden kann: kräftige Muster und Farben in anderen Kombinationen als in Europa üblich. Die grossen Unterschiede haben sich meines Erachtens verringert.
Blättert man in "The surface designer's art" von Katherine Westphal, sieht man, wie unterschiedlich inzwischen in den USA gearbeitet wird: Figuratives, grelle Farben oder Stoffe mit einer "Botschaft" neben massvollen, subtilen Arbeiten in "alten" Farben. In "Contemporary embroidery" der Engländerin Anne Morrel finden sich Werke sowohl europäischer als auch amerikanischer Künstler. Hier wird augenfällig, dass die heutige komplexe Arbeitsweise zu beiden Seiten des Atlantiks zu finden ist. Eine verbesserte Kommunikation sorgt dafür, dass Strömungen zeitgleich aufgegriffen werden, Bücher und Zeitschriften erscheinen sowohl in den USA als auch in Europa. Dozenten verbreiten ihr Wissen auf verschiedenen Kontinenten, es gibt Austauschprogramme für Studenten. Grenzen vervischen. Aber allem voran steht die Neugier des Künstlers, seine Bereitschaft, alles, was möglich ist, auszuloten. ]ane Dunnewold (USA) drückt es in "Complex cloth" so aus: "Mir fehlte der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Techniken. Wie kann ich den Stoff singen lassen?" Ich liebe ihre singenden Arbeiten. Sie laden zum näheren Betrachten ein. Wir sehen dann Akkorde, einen kräftigen Unterton über dem spielerische Melodie aus Motive liegt. Sie arbeitet Schicht für Schicht, in unterschiedlichen Techniken, mit Blattgold und Stickereien - eine SinFonie! Von der Musik zur Poesie: Joan Schulze (USA). 1
Die Arbeiten dieser Künstlerin sind komplexe Kompositionen aus Stoff, Papier, Fotos usw. Manchmal wird ihr Werk von eigenen Gedichten begleitet. Ihre Europareisen dienen als Inspirationsquelle; sie sah die alten Gemäuer, Fresken, Plakate. Ihr Werk "Sightings" liest sich wie ein vertikales Gedicht. Die Buchstaben, die sie verwendet, werden als Reim wiederholt. Andere Zeichen spielen in den Sätzen eine untergeordnete Rolle, sind im Gesamtkontext jedoch notwendig.
Poesie fordert den Leser. Zuerst liest man die Sprachlaute, dann vertieft man sich in die Intention des Dichters.
Musik und Poesie -Textildesign mit überzeugungskraft für den "grenzenlosen" Genuss.
1 Einzelausstellung im September 1999 in der Galerie Smend (Anm.d.Red.).
Literatur:
Dunnewold,bne: Complex cloth,
Bothel W.A., USA 1996.
Harris, Jennifer: 5000 Years of textiles,
London 1993.
Kranz, Kurt: Kunst zien, begrijpen,
waarderen, München 1963.
Morrel, Anne: Contemporory
embroidery, London 1994.
Westphal, Katherine: The surface
designer's art, Ashville N.C., USA 1993
Els van Baarle ist Textilkünstlerin.
Siehe Vito und Werk der Autorin auf Seite 18